Angst vor Abschiebung

15.02.2017

Asylantrag abgelehnt - und jetzt?

Das Ehepaar Mohammad und Sara Ahmadi mit seinen Kindern Armita und Benjamin hat Angst vor den Taliban. Foto: Kasischke

Enttäuscht über die Ablehnung des Asylantrages: Sara und Mohammad Ahmadi und Lotsin Randi Jessen (v. l.). Fotos: Kasischke

Mohammad arbeitet als Herrenfriseur.

Mittelangeln (ksi) – Wenn der Krieg und Terror in der Welt plötzlich Nachbarn oder Bekannte betrifft und damit die Flüchtlingsnot ein Gesicht bekommt, dann verwandeln sich abstrakte Asyldebatten und Statistiken in Menschen. Wie jetzt in Satrup: Eine vierköpfige junge afghanische Familie, die auf der Flucht vor den Taliban Schutz in Satrup gefunden hat, ist von der Abschiebung in ihre Heimat bedroht, aus der sie aus Angst um ihr Leben geflüchtet ist. Ihr Asylantrag ist kürzlich abgelehnt worden. Was Sara und Mohammad Ahmadi zu lesen bekamen, schien ihnen den Boden unter den Füßen wegzureißen: „Die Antragsteller werden aufgefordert, die Bundesrepublik Deutschland innerhalb von 30 Tagen nach Bekanntgabe dieser Entscheidung zu verlassen ...“ Ein Schock, der auch bei der ehrenamtlichen Lotsin Randi Jessen, die sich um die Ahmadies kümmert, Entsetzen ausgelöst hat. Denn diese Familie ist für sie ein Musterfall vorbildlicher Integrationsbemühungen. „Nein, sie bemühen sich nicht nur um Integration, sie sind integriert“, betont Randi Jessen. Mohammad habe sich die deutsche Sprache selbst beigebracht und arbeitet 40 Stunden in der Woche als gelernter Friseur im Salon „Die Haarschneider“. Er verdient sich damit den größten Teil seines Einkommens selbst.“ Geschäftsführerin und Friseurmeisterin Katja Gamst war lange auf der Suche nach einem qualifizierten Herrenfriseur und fand mit Mohammad den geeigneten Mitarbeiter. „Mohammad ist ein Glücksfall für uns. Er ist ein qualifizierter, zuverlässiger Friseur und bei unseren Kunden sehr beliebt.“ Die geplante Abschiebung stößt auch bei ihr auf großes Unverständnis. „Warum werden nicht zuerst Asylbewerber abgeschoben, die hier kriminell werden und aus sicheren Herkunftsländern stammen?“, fragt sich nicht nur Randi Jessen.
Der Reihe nach: Mohammad Ahmadi (28), seine damals schwangere Frau Sara (24) und Tochter Armita (4) sind im August 2014 aus Afghanistan geflohen, weil sie um ihre Sicherheit und ihr Leben fürchteten. Mohammad wurde nach eigenen Angaben von den Taliban entführt. Hintergrund sei sein Onkel gewesen, der bei den Taliban ein „hohes Tier“ sei und Mohammad dazu habe bewegen wollen mit den Taliban zusammen zu arbeiten. Da er dies als damaliger afghanischer Polizist abgelehnt habe, sei es zu der Entführung gekommen. Nachdem er unter Zwang eine Zusammenarbeit zugesagt habe, sei er wieder freigelassen worden. Danach sei er immer wieder vom Onkel unter Druck gesetzt worden. Dieser habe Informationen über Aktivitäten der Polizei haben wollen. Mohammad habe aber die Weitergabe von Informationen abgelehnt. Eines Nachts habe es dann ein Überfall auf das Haus von Mohammads Familie gegeben. Aufgrund dieses Vorfalls hätten sie sich nicht mehr sicher gefühlt und sich zur Flucht entschlossen. „Es war ein langer Fußmarsch. Vier Monate waren wir unterwegs, bei Schnee, Regen und Kälte. Wir hatten kaum etwas zum Essen und zum Trinken. Meine schwangere Frau wurde immer schwächer, wollte es aber unbedingt schaffen“, erzählt Mohammad. Ihr Weg führte sie über den Iran und der Türkei nach Deutschland. Ende Dezember 2014 erreichten sie Hamburg und kamen über Neumünster schließlich in Satrup an. Hier fand die junge Familie mit der ehemaligen Lehrerin Randi Jessen, eine neue Freundin, die sich von Anfang an hochmotiviert und fürsorglich um ihre Probleme, Sorgen und Nöte kümmerte. Die Ahmadies integrierten sich, Sohn Bemjamin wurde geboren und Mohammad fand eine Arbeit in Satrup. Sie fühlten sich endlich wieder sicher und planten ihre Zukunft in Deutschland. „Beide Kinder besuchen den Kindergarten und die Eltern nehmen an allen Elternabenden aktiv teil. Darüber hinaus helfen sie anderen Asylsuchenden bei ihren Integrationsbemühungen, in dem sie sich zum Beispiel als Dolmetscher zur Verfügung stellen“, erzählt Randi Jessen. Zwei Jahre lang, wartete die junge Familie auf eine Antwort zu ihrem Asylantrag. Diese Zeit nutzen sie, um die deutsche Sprache im Selbststudium zu erlernen und sich in die Gesellschaft einzugliedern. Sie passten sich an und fanden in Satrup neue Freunde. Mohammad hatte so sehr gehofft, mit seiner Familie in Deutschland bleiben zu dürfen. „Ich möchte mit meiner kleinen Familie doch einfach nur in Frieden leben und niemanden zur Last fallen“, sagt der sichtlich enttäuschte und traurige Familienvater. In dem Ablehnungsschreiben des Asylantrages heißt es unter anderem: „Es sind keine Gründe ersichtlich, warum sich die Antragsteller nicht in andere Bereiche Afghanistans begeben haben, um sich vor den angeblichen Drohungen des Onkels in Sicherheit zu begeben“. Hans-Joachim Sippe, ein weiterer Freund und „Kümmerer“ der Familie macht seiner Enttäuschung Luft: „Dieser Beschluss ist eine Katastrophe für die junge Familie, aber auch ein Schlag gegen alle ehrenamtlichen Helfer, deren Engagement ad absurdum geführt werde.“
Ihre ganze Hoffnung stecken die Ahmadies jetzt in eine Klage gegen den ablehnenden Bescheid – und seit gestern auch auf den von Schleswig-Holsteins Innenminister Stefan Studt angeordneten zunächst auf drei Monate befristeten Abschiebestopp nach Afghanistan.  „In Afghanistan haben wir nichts und niemanden und sehr große Angst um unser Leben. Hier in Satrup haben wir Freunde und ein neues Zuhause gefunden. Zum Einzug kamen Nachbarn zur Begrüßung vorbei und brachten kleine Geschenke mit. Jetzt sind alle mit uns zusammen sehr traurig“, sagt Mohammad.

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